100 Jahre Dadaismus: Ist die Kunst tot?

Make art, not war!Why? Pazifismus, der Antrieb des Dadaismus

In den 1920ern entstand parallel an mehreren Orten der Dadaismus,  die “Anti-Kunst” mit dem Motto:

Die Kunst ist tot, es lebe Dada!

Gemeinsam war allen dadaistischen Zentren der Pazifismus und die internationale Ausrichtung. Das Leid und Chaos, das der Erste Weltkrieg über die Menschheit brachte, entfremdete den Kunst- & Kulturbetrieb damals immer mehr von der Realität des Alltags. Der Sinn und die Daseinsberechtigung der Kunst schienen verloren. 

Dada war eine Bewegung von Individuen und verzichtete auf eine klare Definition, wollte sich von den “-ismen” der Kunstkategorien abgrenzen. Durch bewusste Missachtung und Überschreitung damals gültiger Konventionen in Kultur und Gesellschaft, gelang es den Dadaisten, die Grenzen der Kunst langfristig zu verschieben. Wir verdanken dem Dadaismus nicht nur die Befreiung der Kunst von gängigen Dogmen, die Anti-Kunst entwickelte u.a. auch die Collage und legte mit der ersten offiziellen Fotomontage den Grundstein für die Bildbearbeitung.

Das Prinzip der Behauptung

Im Dadaismus wurden einfach Behauptungen aufgestellt, wie zum Beispiel von Johannes Baader (Club Dada in Berlin, die rebellischste Gruppe), der sich selbst zum  “Oberdada” erklärt hatte (also so eine Art Weltkaiser wie ich es von mir behaupte). Er war ein Querulant und hatte den Mut, einen öffentlichen Gottesdienst zu stören: von der Kanzel herab erdreistete er sich zu behaupten, er sei Christus. Damit hat er sich viel Aufmerksamkeit und Ärger eingehandelt. Gotteslästerung war damals eine Straftat und diese Grenze zu überschreiten trauten sich nicht viele. In Folge seiner hartnäckigen öffentlichen Rebellion und Querköpfigkeit, gelang Johannes Baader etwas einmaliges in der deutschen Geschichte: er wurde von den Behörden für unzurechnungsfähig erklärt (ohne entmündigt zu werden) und erlang somit Narrenfreiheit. Nicht ohne Neid sprach man unter den Dadaisten davon, dass er den “Jagdschein” hätte, der bedeutete, dass er für seine Dada-Taten nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden konnte. 

Die bloße Behauptung, dass etwas Kunst ist, wurde im Dadaismus zur Kunstform des sogenannten “Ready-Made” erhoben. Das wohl berühmteste war ein handelsübliches Pissoir, das den Namen “Fountain” erhielt und (vermutl. von Marcel Duchamp) spätestens dann in die Kunstgeschichte einging, als ein Museumsbesucher eine Replik davon mit einem Hammer zerstörte. 

Wie kann man heute noch provozieren, wenn alle Tabus schon gebrochen und alle Grenzen überschritten wurden?

Vielleicht ist das die falsche Frage.

Wie kann ich bewegen und mitfühlen lassen?

Ich denke, das typisch menschliche gewinnt wieder mehr an Bedeutung.

Emotionen zu wecken, bedient die Bedürfnisse unseres hochtechnisierten und überoptimierten Zeitgeistes schon eher.

Wäre Dada wieder was fürs 21. Jahrhundert?

Oder ist das 21. Jahrhundert ohnehin dada, angesichts dessen, dass unser Aussterben unausweichlich scheint und wir das scheinbar akzeptieren und uns lieber ablenken?

Dada ist tot – es lebe die Kunst?